Mit der Internationalen Raumstation ISS steht im All ein neuartiges
Technologiezentrum mit zum Teil noch ungeahnten Möglichkeiten für die Erde zur
Verfügung. Experten sind sich einig, dass der irdische Nutzen der
unterschiedlichsten Forschungsund Entwicklungsbereiche beträchtlich sein wird.
Aufgrund der auf der ISS, die die Erde in einer Höhe von durchschnittlich 400
km mit einer Geschwindigkeit von etwa 28.000 km/h umkreist, kompensierten
Schwerkraft ist es möglich, Elementarprozesse aufzuklären, die auf der Erde
durch Gravitationseinflüsse maskiert werden. Bereits im Rahmen der Vorbereitung
der für die ISS vorgesehenen Laboreinrichtungen wurden erste terrestrische
Spin-offs ermöglicht.
Ein solcher bemerkenswerter Transfer wurde beispielsweise auf dem Gebiet der
Werkstoffwissenschaften erwirkt. Um Experimente im Bereich des Materialdesigns
aus der Schmelze durchführen zu können, befindet sich auf der ISS das Material
Science Laboratory (MSL). Der Kernbereich des MSL umfasst Ofeneinsätze, um
Materialschmelzen zu erzeugen und nachfolgend die Erstarrungsprozesse während
der Abkühlphasen beobachten zu können.
Erstarrung ist eine gängige Methode bei der Produktion metallischer Werkstoffe.
Durch die Technik der gerichteten Erstarrung können unterschiedliche
Mikrostrukturen und daraus resultierend vielfältige Materialeigenschaften
erreicht werden. Zur Vorherbestimmung der Eigenschaften ist es notwendig, die
Erstarrungsgeschwindigkeit zu kontrollieren und die reale Position des
Übergangs zwischen flüssiger und fester Phase zu messen, insbesondere unter
unstetigen Erstarrungsbedingungen. Für den Einsatz auf der ISS wurde am 2.
Physikalischen Institut der Universität Leipzig ein
Ultraschall-Puls-Echo-Verfahren entwickelt, mit dem Position und
Geschwindigkeit der Erstarrungsfront bestimmt werden können. Mittels
longitudinal geführter Ultraschallwellen wird der Ultraschallpuls am
Fest-/Flüssig-Übergang vollständig reflektiert. Durch Bestimmung der Laufzeit
des Echosignals kann die aktuelle Position des Phasenübergangs im Material bis
herab zu 10 µm Genauigkeit während der Erstarrung und die
Wachstumsgeschwindigkeit genauer als 1 µm/s bestimmt werden. Die Leipziger
Ultraschall-Technik erlaubt darüber hinaus mit Hilfe komplexer
Pulsanalysemethoden die Bestimmung der Ultraschalllaufzeit mit einer
Genauigkeit besser als 0,5 ns.
In Dezember 2002 präsentierte die Universität Leipzig diese Technologie im
Rahmen einer der regelmäßig von MST Aerospace durchgeführten Veranstaltungen
zur Vermittlung von Kooperationen zwischen sich dort darstellenden
Raumfahrtunternehmen bzw. -instituten und Vertretern anderer Industriezweige.
Die beiden Geschäftsführer der im April 2002 neu gegründeten Firma PFW
Technologies GmbH wurden durch diese Präsentation zur Lösung einer in ihrem
Hause vorliegenden Fragestellung inspiriert. PFW Technologies befasste sich mit
der Bestimmung von Vorspannkräften in Schraubverbindungen; hierbei wird ein
piezoelektrischer Film auf das Verbindungselement aufgebracht, mit dem über
Ultraschallanregung die Festigkeit der Verbindung festgestellt werden kann. Zur
Realisierung dieser Technologie kam das messtechnische Know-how der Universität
Leipzig wie gerufen. Innerhalb eines halben Jahres gelang es, eine kompakte
Notebook-gesteuerte Messeinrichtung zu entwickeln, mit der die Spannkraft in
Schrauben direkt gemessen werden kann. Schraube, piezoelektrische Schicht und
Messeinrichtung bilden für den Montagevorgang eine Einheit, das sog. Permanent
Mounted Transducer (PMT) System. Die Schraube des PMT-Systems arbeitet als
Träger des eingebrachten Ultraschallsignals, das am Schraubenende reflektiert
wird und dessen Laufzeit direkt proportional zur Vorspannkraft ist. Die
mittels eines Plasmabeschichtungsverfahrens auf den Schraubenkopf aufgetragene
piezoelektrische Dünnschicht dient als Impulsgeber für die Ultraschallmessung.
Das Anziehwerkzeug, in dem ein Kontaktstift zur Signalübertragung integriert
ist, ist mit einem Ultraschall-Messinstrument verbunden, das das Messsignal
auswertet und den diskreten Wert der Vorspannkraft im Display zur Anzeige
bringt. Für bereits angezogene Schrauben kann über die auf dem Schraubkopf
verbleibende Beschichtung jederzeit die Festigkeit der Verbindung mit dem
gleichen System überprüft werden. Die Kontrolle der Vorspannkraft mit dem
PMT-System ist bis zu zehnmal genauer als herkömmliche indirekte Messverfahren.
Mit dem PMT-System liegen nicht nur hochpräzise Aussagen über
die tatsächlich vorhandene Vorspannkraft während der Montage vor, sondern auch
bei der Inspektion im verschraubten Zustand. Mittels des Systems können
außerdem Schraubenverbindungen kritischer Anlagen fernüberwacht werden. Im
Kraftfahrzeug-, Eisenbahnoder Anlagenbau, in der chemischen Industrie oder in
der Luftfahrt bietet das PMT-System ein Maximum an Sicherheit, indem es die
Qualität von Verschraubungen messbar macht.